Freiheit ist nervig und anstrengend
„Freiheit ist nervig und anstrengend.“
Das habe ich diese Woche in einer Mail zu meinem Essay über John Stuart Mill und Führung gelesen, der gerade im it-agile-Newsletter erschienen ist.
Mein Kernpunkt eine funktionierende Organisation braucht Freiheit im Denken und Handeln. Ich habe dabei an Führung, Prozesse und Strukturen in Unternehmen gedacht, aber mein Korrespondent hat den Gedanken viel weiter gesponnen: Von rechts wie von links hören wir, es gebe einfache Antworten und brauche nicht mehr, als jemanden, der sie durchsetzt. Abweichende Meinungen müsse man nicht widerlegen, sondern zum Schweigen bringen. Mills Antwort darauf ist kurz und unbequem: „All silencing of discussion is an assumption of infallibility.“ Wer den Widerspruch abschafft, hält sich für unfehlbar.
Ein Blick auf die Wahlergebnisse zeigt: Dieses Angebot verfängt. Ich verstehe auch, warum. Freiheit heißt, selbst zu entscheiden und die Folgen zu tragen. Mill zählt auf, was Selbstständigkeit verlangt: Beobachtung, Urteilskraft, Entschlossenheit, Disziplin. Das ist anstrengend. Wer die Verantwortung abgibt, hat erst einmal Ruhe.
In Unternehmen zeigt sich dasselbe Muster, nur im Kleinen. Es gibt Mitarbeiter, die lieber eine Vorgabe hätten als ein Ziel. Es gibt Führungskräfte, die Selbstorganisation fordern und beim ersten Fehler wieder alles an sich ziehen. Und es gibt Organisationen, die Menschen klein halten, weil sie dann leichter zu steuern sind. Mill hat dazu den Schlusssatz geliefert: „With small men no great thing can really be accomplished.“
Die Mail endet mit einem Gedanken, den ich nicht besser formulieren könnte: Wenn wir uns nicht von anderen vorschreiben lassen wollen, was wir tun sollen, müssen wir uns dem Mehraufwand stellen.
Das gilt für Teams, für Unternehmen und auch für Demokratie. Freiheit verteidigt man nicht mit einem Methodenkoffer. Man verteidigt sie, indem man Widerspruch aushält, selbst entscheidet und Verantwortung nicht zurückgibt, sobald es unbequem wird.
Danke für diese Mail.